Die Villa Clara und ihre Erweckung aus dem Dornröschenschlaf

Interessantes aus Geschichte und angewandter Kunst
Unser zukünftiges kleines Verwaltungsgebäude in Radolfzell, das Kulturdenkmal „Villa Clara“, ist trotz Umbauten von Vorbesitzern immer noch in einem sehr guten Zustand. Dennoch werden wir auf heutige technische Anfordernisse aufrüsten, um unseren Mitarbeitern ein angenehmes Arbeiten ermöglichen zu können. Unter Abwägung der Investitionskosten wurde entschieden, viele Maßnahmen zur Erhaltung und ein paar herausragende Maßnahmen zur Restaurierung durchführen zu lassen. Es gibt für diese Vorgehensweise Fördergelder, die wir nutzen können. Alles was wir erhalten, aber nicht in den Urzustand zurück versetzen lassen, kann jederzeit zu einem späteren Zeitraum restauriert werden. Uns ist es wichtig, dass die Dinge bestmöglich erhalten bleiben. Einen Überblick über Geschichte und Kunstgeschichte der Villa Clara aus der Sicht der darin arbeitenden Restauratoren geben wir gerne:

Die Geschichte der Villa Clara
Die Villa Clara entstand 1896 im Auftrag eines leitenden Angestellten der ortsansässigen Firma Schiesser, Carl Burkart, in der Zeit des Historismus (1850 – 1914) im Neorenaissance-Stil. (Der Historismus löste die Zeit des Biedermeiers von 1815 Wiener Kongress – 1848 ab, auf den Historismus folgte der Jugendstil.) Die Gestaltungsmerkmale des Historismus, das Aufgreifen und Verwenden vorangegangener Stile, sind an der Fassade der Villa wie auch in den Innenräumen zu erkennen. Abb 1.

Im Laufe der letzten 100 Jahre wurden Umbau- und Erweiterungsbauten vorgenommen, besonders 1976/77 mit dem Einzug der DRK Leitstelle. Trotz dieser Maßnahmen sind in den Innenräumen der Villa Clara große Bereiche der bauzeitlichen Gestaltung als schützenswerte Gesamtheit erhalten. Im Eingangsbereich zeigen sich neben der bauzeitlichen Wand- malerei die dazugehörige bemalte Putzdecke, sowie ein Terrazzoboden mit eingelegten Mosaikarbeiten sowie dem Schriftzug „SALVE“. Bei der Wandfläche im Eingangsbereich ist im unteren Drittel ein gemalter Sockel zu erkennen, dabei wurden verschiedene Steine sowie Marmor imitiert, ähnlich einer Intarsienarbeit. Diese Steinimitation in der Sockelzone schafft den Übergang vom Terrazzoboden zur Malerei der oberen Wandfläche. Dabei handelt es sich vermutlich um eine Kartusche mit einem darunterliegenden Schriftfeld. Abb 2, 3.

Neobarocke Stuckdecke im Salon
In den Räumen der unteren Etage sind zwei Stuckdecken sowie eine Holzkassettendecke erhalten. Die meisten Ausstattungsteile wie Kassetten- und Stuckdecken dürften auf den Erbauer Carl Burkart zurückgehen. Die Stuckdecken tragen unter den späteren Anstrichen als Erstfassung eine differenzierte Farbfassung, teils mit einer Vergoldung oder Metallisierung. Eine wunderbare neobarocke Stuckdecke im ehemaligen Salon zeigt musizierende Engel. (Bei barocken Gestaltungen wurden solche Engel immer mehr zu kleinkindähnlichen Putten stilisiert und weniger als religiöse Figur beachtet. Sie symbolisierten Freude, Jugendlichkeit und Leichtigkeit.) Abb 4.

Grotesken im Wohnzimmer
Im angrenzenden Raum, einst das Wohnzimmer, wurden bei der Stuckdecke die Gestaltungsmerkmale der Renaissance aufgegriffen. Umlaufend zeigt sich ein Konsolfries. In der Deckenfläche sitzen zwei Mittelornamente mit integrierten Grotesken. (In der Kunstgeschichte versteht man unter der Groteske eine Ornamentform aus feingliedrigem Ranken- werk, das neben pflanzlichen Formen auch phantastische Mischwesen, Vasenmotive und anderes einbeziehen kann. Dieser erstmals für 1502 nachgewiesene Begriff entstand in der Renaissance.) Auch hier ist unter den späteren Anstrichen die gelblich-bräunliche Erstfassung erhalten, zahlreiche Details waren durch eine Bronzierung abgesetzt. Abb 5.

Holzkassettendecke im Speisezimmer
Im ehemaligen Speisezimmer ist eine Holzkassettendecke vorhanden. Was auf den ersten Blick wie verschiedene Holzarten wirkt, ist jedoch eine Bemalung. Dabei wurden hochwertige Holzarten malerisch imitiert und durch farbig abgesetzte Begleitbänder und Profilleisten ergänzt. Einst waren in diesem Raum die unteren zwei Drittel der Wandfläche zusätzlich mit einer Holzverkleidung versehen, die leider nicht mehr vorhanden ist. Dafür blieb in diesen Räumen der dazugehörige bauzeitliche Parkettboden erhalten. Die Stuckdecken der oberen Räume zeigen die Gestaltungsmerkmale des Neobarock und des Jugendstil. Im Bereich dieser Decken sind von der bauzeitlichen Farbigkeit noch Reste vorhanden, diese wurden im Zuge einer Befunduntersuchung dokumentiert, um die Rekonstruktion der bauzeitlichen Fassung evtl. zu einem späteren Zeitpunkt zu ermöglichen. Abb 6, 7.

Das Prozedere der RestauratorenUm eine sinnvolle Vorgehensweise bestimmen zu können, wurden an Wand- und Deckenflächen Arbeitsproben durchgeführt. Unabhängig von einer weiteren Bearbeitung werden alle Stuckdecken gesichert. Risse und Hohlstellen werden mittels mineralischem Injektionsmörtel gefestigt und hinterfüllt. Sich lösende Stuckelemente oder Verschraubungen der Teilelemente werden kraftschlüssig wieder mit dem Untergrund verbunden.

Im Zuge der letzten 100 Jahre wurden die Stuckdecken mehrfach überfasst (=überstrichen) und die Stuckierung ist dadurch stark verschlämmt. Eine Freilegung der Decken ist jedoch gut möglich, dabei werden mechanisch die Farbfassungen (=Anstriche) entfernt und die Erstfassung der Decken freigelegt. Kleinere Fehlstellen im Bereich der Fassung werden dann durch eine Retusche geschlossen.

Die restauratorischen Arbeiten im Bereich von Stuckdecken und Wandmalerei werden von der Vergoldermeisterin und Restauratorin Melanie Bochmann in Zusammenarbeit mit dem Restaurator Robert Lung ausgeführt, ebenso die begleitenden Arbeiten an der historischen Fassadenfläche der Villa Clara. Bereits vor Beginn der Arbeiten zeigt sich eine gute Zusammenarbeit mit dem Landesdenkmalamt, den beauftragten Handwerkern und Herrn Stadler aus Radolfzell, der sich um die die notwendigen historischen Dokumente und Fotos der Baugeschichte kümmerte, aus denen wir überhaupt erst wissen, wie es einmal war.

Unser Ziel ist es, die bauzeitliche Substanz in ihrer Gesamtheit zu erhalten und nach Möglichkeit in den ursprünglichen Zustand zurückzuführen. Bei der notwendigen Bearbeitungen von Wand und Bodenflächen wird darauf geachtet, ein einheitliches Gesamtbild zu schaffen, welches die bauzeitliche Substanz integriert. Die Fertigstellung ist auf Ende Juni 2018 geplant.

Abb 1: Villa Clara Ende 2017, im Hintergrund rechts steht der Bürogebäuderohbau.

Abb 1: Villa Clara Ende 2017, im Hintergrund rechts steht der Bürogebäuderohbau.

Abb 2, 3: Verborgene Schätze im Eingangsbereich der Villa Clara

Abb 2, 3: Verborgene Schätze im Eingangsbereich der Villa Clara

Abb 4: Decke im ehemaligen Wohnzimmer, Abb. 5: Decke im ehemaligen Salon

Abb 4: Decke im ehemaligen Wohnzimmer, Abb. 5: Decke im ehemaligen Salon

Abb. 6: Die derzeit übermalte Holzkassettendecke im ehemaligen Speisezimmer

Abb. 6: Die derzeit übermalte Holzkassettendecke im ehemaligen Speisezimmer

Abb. 7: Befunduntersuchung

Abb. 7: Befunduntersuchung


PDF-DownloadDownload Magazin up date


Redaktionsadresse: Newsletter@pvs-mefa.de
Wir freuen uns über Anregungen, Ideen, Meinungen und Themenvorschläge. Herausgeber und Redaktion sind um die Genauigkeit der dargestellten Informationen bemüht, dennoch können wir für Fehler, Auslassungen oder hier ausgedrückte Meinungen nicht haften. Alle Angaben sind ohne Gewähr!

Fotos: kuhnle + knödler fotodesign, pvs Reiss, U. Sommer, N. Ernst, M. Bochmann, S. Müller, pixabay: myriam u. gellinger, shutterstock: Africa Studio, DragonImages u. ESB Professional, Fotolia: gpointstudio, K. Reischmann, G. Römhild.

Autoren, sofern nicht ausführlich benannt: sbay Saskia Bayer, db Daniel Bolte, svg Sabine von Goedecke, mh Michaela Helbig, sm Sabine Müller, aw Arndt Wienand, gw Gerda-Marie Wittschier.

Konzept und Gestaltung: www.creapart.de

Lernen Sie unser breites Dienstleistungs-Portfolio kennen.

Mehr hier

Sie haben Fragen?

    Mich interessiert folgender Bereich:

    Dental / GOZ
    niedergelassene Ärzte / GOÄ
    Kliniken und Chefärzte
    Heilpraktiker
    Pflegeeinrichtungen / SGB
    Patienten
     

    Ich möchte ein Angebot der PVS Reiss GmbH über mehr als nur Factoring.

    Das Angebot der PVS Reiss GmbH interessiert mich und ich möchte mich gerne persönlich beraten lassen.

    Bitte rufen Sie mich an, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren.

    Bitte senden Sie mir weitere Informationen über die PVS Reiss GmbH.
    Ich habe ein anderes Anliegen.

    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Tasse aus.
    Ich habe die Datenschutzerklärung zur Kenntnis genommen. Ich stimme zu, dass meine Angaben zur Kontaktaufnahme und für Rückfragen dauerhaft gespeichert werden.
    Hinweis: Sie können Ihre Einwilligung jederzeit für die Zukunft per Mail an anfrage@pvs-reiss.de widerrufen.